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London Papers

London. Bei meinem Besuch von vor zwei Wochen war ich neben vielen anderen Dingen auch auf die lokale Presselandschaft gespannt. Vor allem der Guardian wird ja immer wieder als eine der modernsten Zeitungen beschrieben und dient auch deutschen Zeitungsformaten als Vorbild. Dabei geht es hauptsächlich um die Anpassungsfähigkeit der Zeitungen an aktuelle Entwicklungstendenzen. Ein Beispiel hierfür war vor Jahren die Umstellung der Größe der englischen Zeitung auf das Tabloid-Format. Somit reagierten sie auf den Fakt, dass ein Großteil der Zeitungen auf dem Weg zur und von der Arbeit gelesen werden. Und da die U-Bahnen in den Rush Hours einfach keinen Platz boten, große Zeitungen auszupacken, wurden sie verkleinert und an die Gegebenheiten angepasst. Eine ähnliche Tendenz findet heute bezüglich der Herausforderung Internet statt. So finde ich den Guardian weitaus personalisierter und serviceorientierter als deutsche Tageszeitungen. Personalisierter, weil man zu fast jedem Artikel den Autor mit Foto sieht (der Rezipient erhält somit einen visuellen Kommunikationspartner), und weil viel mehr Kommentare und Meinungen im Heft zu finden sind. Serviceorientierter, weil ein bestimmtes Thema meist von mehreren Seiten beleuchtet wird und direkte Auswirkungen sofort im Umfeld des Artikels diskutiert werden. So werden zum Beispiel direkte Fragen wie: “Was bedeutet das für mich?” usw. gestellt. Die Zeitung ist damit viel mehr auf die Bedürfnisse der Leser ausgerichtet.

Ein weiterer Punkt der mich beeindruckte, war die Anzahl der kostenlosen Zeitungs-Formate. Zwar kannte ich METRO bereits aus Kopenhagen und Mailand, doch waren die beiden Zeitungen LITE und The London Paper weitaus präsenter. Dies lag vor allem an der Verteilungsstrategie der Zeitungen. Zum Einen wurden sie immer in der “Nach-Hause” Rush Hour verteilt. Damit konnten sie auch noch Ereignisse vom Vormittag in die Zeitung mit aufnehmen und waren dadurch sehr aktuell. Zum Anderen war es die Art und Weise wie sie verteilt wurden. Vor allem die U-Bahn Eingänge waren der zentrale Ort der Vergabe. Diese erfolgte durch entsprechend gekleidete Verteiler mit einer ganz bestimmten Technik. So standen sie nicht passiv herum, sondern mischten sich unter die Passanten. Dann hatten sie immer ein Exemplar in der Hand, welches sie in Griffhöhe direkt vor einen hielten. Die Zeitspanne dürfte dabei genau der Zeit entsprochen haben, bis man entschieden hat, ob man zugreift oder nicht. Jedenfalls baute die gesamte Verteilung auf den Greif-Reflex auf. Die Folge dieser Strategie war, dass ca. 80% der U-Bahn Zeitungsleser eines der kostenlosen Exemplare lasen. Hinzu kommt, dass die Zeitungen meist in den U-Bahnen zurückgelassen wurden, wodurch sie ein zweites Mal aufgriffen und gelesen werden konnten. Die dadurch entstehende Präsenz war unglaublich. Der Zeitpunkt, in dem die Pendler offen für Tagesinformationen sind, wird somit durch die kostenlosen Boulevard-Blätter und dessen Themen überlagert. Die Meinungsbildung erfolgt somit nicht auf der Grundlage von qualitativem Journalismus, sondern durch die typische englische Yellow-Press.

Eine andere Folge dieser Präsenz war die Qualität der Anzeigen-Werbung, welche im Vergleich zu deutschen Kostenlos-Zeitungen ungleich höher war. Sind es in Deutschland vor allem Kleinanzeigen welche diese Formate bestimmen, konnte man in den Londoner Zeitungen viele große Unternehmen finden, welche Anzeigen buchten. Vor allem die letzte Seite war (ähnlich wie bei Magazinen) für eine Ganzseitige Anzeige reserviert. Damit erhielt der Werbetreibende eine enorme Aufmerksamkeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

Von der journalistischen Seite her betrachtet sind die kostenlosen Angebote also durchaus kritisch zu betrachten. Von der Werbe-Seite her bieten sie eine große Plattform für Aufmerksamkeit. Ich bin gespannt, ob dieses Modell auch in Deutschland Fuß fassen wird.

Tags: Guardian, Lite, London, Metro, Presse, The London Paper

This entry was posted on Friday, May 22nd, 2009 at 10:32 and is filed under Marketing. You can follow any responses to this entry through the RSS 2.0 feed. You can leave a response, or trackback from your own site.

One Response to “London Papers”

  1. skovo says on May 22nd, 2009 at 11:53 :

    Interessanter Beitrag!

    Auch wenn die klassischen Printmedien am absterbenden Ast scheinen, heisst es nicht dass es kein Optimierungspotential mehr gibt bzw. Neue Wege.

    Wenn ich über die deutsche Presselandschaft nachdenke, fällt mir spontan die WeltKompakt ein als Beispiel. Welt zeigt mit Sonderformat, optimierten Layout und neuen Technologien (QR Tags) Bestrebungen die in die Richtung gehen - nämlich den längst verlorenen Leser zurück zu gewinnen.

    Die Qualität der Berichterstattung steht dabei natürlich auf einem ganz anderen Blatt … ist klar.

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